Mittelstandspresse
03.08.2026
Zukunft der Finanzbildung in Deutschland.
Interview mit Kai Fürderer zum Financial Education Measurement Index (FEMI).
Herrsching, 03.08.2026 (PresseBox) -
„Finanzbildung wird zum neuen Qualitätsmaßstab für Regionalbanken“
Interview mit Kai Fürderer, Mitglied der Geschäftsleitung der Gesellschaft für Qualitätsprüfung mbH
Redaktion (RD): Herr Fürderer, warum widmet sich die Gesellschaft für Qualitätsprüfung jetzt mit einem eigenen Testformat ausschließlich dem Thema Finanzbildung?
Kai Fürderer (KF): Die Bedeutung der Finanzbildung hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Lange Zeit wurde sie als freiwillige Zusatzleistung verstanden. Heute entwickelt sie sich zu einer gesellschaftlichen Kernaufgabe. Gerade junge Menschen müssen immer früher finanzielle Entscheidungen treffen, gleichzeitig werden Finanzprodukte komplexer und die Verantwortung für die eigene Altersvorsorge wächst kontinuierlich. Mit dem geplanten Altersvorsorgedepot und den Diskussionen um die Rentenreform wird deutlich, dass finanzielle Eigenverantwortung künftig noch wichtiger werden wird. Wer frühzeitig Vermögen aufbauen möchte, benötigt nicht in erster Linie Produkte, sondern Orientierung und Verständnis. Genau hier sehen wir Regionalbanken in einer besonderen Verantwortung.
RD: Warum reicht es aus Ihrer Sicht nicht mehr aus, lediglich gute Beratung anzubieten?
KF: Eine qualitativ hochwertige Beratung bleibt selbstverständlich unverzichtbar. Sie beginnt jedoch häufig erst dann, wenn der Kunde bereits einen konkreten Beratungsbedarf erkannt hat. Finanzbildung setzt deutlich früher an. Sie hilft Menschen überhaupt erst zu verstehen, welche finanziellen Herausforderungen auf sie zukommen, welche Möglichkeiten sie besitzen und warum bestimmte Entscheidungen langfristig sinnvoll sind. Deshalb sprechen wir heute von einer erweiterten Kundenreise. Banken begleiten ihre Kunden nicht mehr ausschließlich bei Finanzentscheidungen, sondern zunehmend auch beim Aufbau finanzieller Kompetenzen.
RD: Was unterscheidet Ihren neuen Fragebogen von bisherigen Untersuchungen?
KF: Unser neuer Fragebogen betrachtet Finanzbildung erstmals ganzheitlich. Wir analysieren nicht nur, ob Inhalte vorhanden sind, sondern vor allem deren Qualität, Verständlichkeit, Aktualität, Zielgruppenorientierung und praktische Relevanz. Dabei betrachten wir sowohl die digitale als auch die persönliche Welt einer Bank.
Dazu gehören beispielsweise:
Informationsangebote auf der Website,
Finanzratgeber,
Erklärvideos,
Podcasts,
Webinare,
Veranstaltungen,
Social-Media-Inhalte,
digitale Tools und Rechner,
persönliche Bildungsangebote in den Filialen,
Kooperationen mit Schulen oder Hochschulen,
zielgruppenspezifische Lernangebote sowie
die strategische Verankerung von Finanzbildung innerhalb des Instituts.
Damit entsteht erstmals ein vollständiges Bild darüber, wie konsequent eine Bank Finanzbildung tatsächlich lebt.
RD: Welche Rolle spielt dabei die Generation Z?
KF: Eine sehr große Rolle. Unsere eigenen Studien zeigen seit Jahren, dass junge Menschen durchaus Interesse an Finanzthemen besitzen. Gleichzeitig wünschen sie sich verständliche Informationen, digitale Angebote und persönliche Ansprechpartner gleichermaßen. Viele informieren sich heute zunächst über soziale Medien oder mithilfe Künstlicher Intelligenz. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass diese Informationen vollständig oder richtig sind. Gerade deshalb können Banken eine wichtige Rolle übernehmen. Sie verfügen über fachliche Kompetenz, genießen Vertrauen und können komplexe Zusammenhänge verständlich erklären.
RD: Welche Themen stehen dabei besonders im Mittelpunkt?
KF: Natürlich klassische Themen wie Girokonto, Sparen oder Vermögensaufbau. Besonders relevant werden jedoch künftig:
Altersvorsorge,
Rentenlücke,
ETF-Sparpläne,
Kapitalmarkt,
Immobilien,
Versicherungen,
finanzielle Selbstständigkeit,
nachhaltige Geldanlage sowie
digitale Finanzkompetenz.
Vor allem das Thema Altersvorsorge wird künftig deutlich an Bedeutung gewinnen. Wer bereits mit Anfang zwanzig beginnt, Vermögen aufzubauen, besitzt enorme Vorteile gegenüber einem späteren Einstieg. Genau dieses Bewusstsein möchten wir fördern.
RD: Im August zeichnen Sie erstmals die besten Regionalbanken im Bereich Finanzbildung aus. Bleibt es bei dieser Auszeichnung?
KF: Nein. Die Auszeichnung bildet lediglich den sichtbaren Teil unseres Projekts ab. Mindestens genauso wichtig ist das, was aus den Ergebnissen entsteht. Das gilt sowohl im Dialog mit uns als auch in den jeweiligen Banken im Nachgang der Ergebnisse. Deshalb erhält jede getestete Bank einen umfangreichen Ergebnisbericht, um das Ergebnis nachvollziehen zu können und auch die jeweiligen Stärken und Schwächen zu erkennen, die wir im Rahmen der Studie festgestellt haben.
RD: Sie sprechen vom neuen „Financial Education Measurement Index“, kurz FEMI. Was genau verbirgt sich dahinter?
KF: Der Financial Education Measurement Index ist unser neuer Bewertungs- und Orientierungsmaßstab für Finanzbildung. Aus den zahlreichen Einzelbewertungen unseres Fragebogens entsteht ein standardisierter Index, der erstmals messbar macht, wie umfassend und qualitativ hochwertig Finanzbildung innerhalb einer Bank umgesetzt wird. Unser Ziel besteht ausdrücklich nicht darin, lediglich Ranglisten zu veröffentlichen. Wir möchten einen objektiven Qualitätsstandard schaffen, an dem sich die gesamte Branche - gern auch im deutschsprachigen Europa - orientieren kann.
RD: Warum ist ein solcher Index überhaupt notwendig?
KF: Weil bislang niemand definiert hat, was gute Finanzbildung einer Bank eigentlich ausmacht. Es existieren zahlreiche Einzelmaßnahmen. Die eine Bank produziert Videos. Eine andere veranstaltet Schulworkshops. Eine dritte veröffentlicht Podcasts. Doch welche Kombination tatsächlich den größten Mehrwert erzeugt, wurde bislang kaum systematisch untersucht. Dazu kommt die Frage nach der Qualität auf Basis der vorhandenen Quantität. Genau diese Lücke schließen wir.
RD: Welche Vorteile ergeben sich daraus konkret für Banken?
KF: Sehr viele. Institute erhalten erstmals die Möglichkeit,
ihren Status quo objektiv einzuordnen,
Stärken und Entwicklungspotenziale zu erkennen,
ihre Finanzbildungsstrategie systematisch weiterzuentwickeln,
ihre Angebote mit anderen Regionalbanken zu vergleichen und
Investitionen gezielt dort einzusetzen, wo sie den größten Nutzen entfalten.
Damit wird Finanzbildung erstmals messbar bzw. steuerbar.
RD: Kann FEMI künftig auch als Benchmark dienen?
KF: Genau das ist unser Ziel. Wir möchten eine kontinuierlich wachsende Benchmark-Datenbank aufbauen. Banken sollen erkennen können, welche Qualitätsmerkmale führende Institute gemeinsam besitzen und welche Entwicklungen sich innerhalb der Branche abzeichnen. Damit entwickelt sich FEMI Schritt für Schritt zu einem allgemein anerkannten Qualitätsmaßstab für Finanzbildung.
RD: Welche Rolle spielt dabei die kontinuierliche Weiterentwicklung?
KF: Eine sehr große. Finanzbildung verändert sich permanent. Neue gesetzliche Rahmenbedingungen, digitale Technologien, Künstliche Intelligenz oder neue Vorsorgeprodukte verändern die Anforderungen kontinuierlich. Deshalb wird auch unser Index regelmäßig weiterentwickelt. Der „FEMI“ soll kein statisches Bewertungssystem sein, sondern ein lernendes Modell, das aktuelle Entwicklungen aufgreift und dadurch dauerhaft Orientierung bietet.
RD: Welche Auswirkungen könnte FEMI langfristig auf den Bankenmarkt haben?
KF: Ich bin überzeugt, dass Finanzbildung in einigen Jahren ähnlich selbstverständlich bewertet werden wird wie Beratungsqualität oder digitale Services. Kunden erwarten künftig nicht nur gute Produkte. Sie erwarten auch, dass Banken ihnen helfen, finanzielle Zusammenhänge zu verstehen. Institute, die diese Verantwortung frühzeitig übernehmen, werden sich deutlich vom Wettbewerb differenzieren (können).
RD: Ihr persönlicher Ausblick?
KF: Wir erleben derzeit einen grundlegenden Wandel. Banken entwickeln sich zunehmend von Produktanbietern zu Bildungspartnern. Genau darin liegt eine enorme Chance. Wer Menschen befähigt, bessere finanzielle Entscheidungen zu treffen, schafft Vertrauen, stärkt langfristige Kundenbeziehungen und leistet gleichzeitig einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag. Mit dem Financial Education Measurement Index möchten wir hierfür einen neuen Qualitätsstandard etablieren und Regionalbanken dabei unterstützen, Finanzbildung systematisch weiterzuentwickeln.
Denn gute Finanzbildung ist kein Zufall; sie ist das Ergebnis einer klaren Strategie. Die diesjährigen Ergebnisse veröffentlichen wir im August auf unserer Webseite.
Ansprechpartner
Kai Fürderer
+49 (8152) 3961697
Zuständigkeitsbereich: Mitglied der Geschäftsleitung
Über Gesellschaft für Qualitätsprüfung mbH:
Die Gesellschaft für Qualitätsprüfung mbH zählt zu den führenden unabhängigen Testinstituten für Beratungsqualität und Kundenorientierung in der deutschen Finanzbranche. Im Mittelpunkt der Arbeit stehen wissenschaftlich fundierte Analysen, Praxistests und Studien zu den Themen Beratung, Service, Digitalisierung, Baufinanzierung, Vermögensberatung, Finanzbildung und Kundenerlebnis.
Mit ihren bundesweiten Testreihen wie „BESTE BANK vor Ort“, „SEHR GUT in der Baufinanzierung“, den Private-Banking-Tests sowie den NextGen-Analysen untersucht die Gesellschaft für Qualitätsprüfung jährlich mehrere tausend Kundenkontakte und digitale Berührungspunkte. Die gewonnenen Erkenntnisse dienen sowohl Verbrauchern als Orientierungshilfe als auch Finanzinstituten als Grundlage zur Weiterentwicklung ihrer Beratungs- und Servicequalität.
Darüber hinaus veröffentlicht die Gesellschaft für Qualitätsprüfung regelmäßig Fachbeiträge, Studien und Marktanalysen zu aktuellen Entwicklungen im Banking und engagiert sich insbesondere für die Stärkung der Finanzbildung sowie die Förderung einer kundenorientierten Beratungskultur.
Getreu dem Unternehmensmotto „Weil wir Qualität prüfen.“ verfolgt sie das Ziel, Qualität sichtbar, vergleichbar und nachhaltig wirksam zu machen.
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Interview mit Kai Fürderer, Mitglied der Geschäftsleitung der Gesellschaft für Qualitätsprüfung mbH
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