Mittelstandspresse
11.09.2026
Bruchstelle OT: Wenn Maschinen digital werden, aber die Security analog bleibt
Vernetzte Produktionsumgebungen treffen auf gewachsene Sicherheitsstrukturen: Warum IT und OT ihre Verantwortlichkeiten neu denken müssen
Langenhagen, 11.09.2026 (PresseBox) - Die industrielle Welt wird digital – aber nicht automatisch sicherer. Produktionslinien sind heute datengetrieben, Maschinenparks vernetzt. Doch das Sicherheitsniveau vieler Anlagen ist nach wie vor auf dem Stand von gestern.
Digitalisierung hat längst die Hallentore durchschritten. Prozesse, Systeme und Steuerungen sind digital verknüpft, mit Schnittstellen bis in die Cloud. Was jedoch oft fehlt, ist eine Sicherheitsarchitektur, die diesen Wandel begleitet. Produktionssysteme folgen anderen Regeln als klassische IT. Genau dort beginnt die Herausforderung.
Wenn moderne Produktion auf alte Sicherheitsmuster trifft
IT und OT arbeiten heute in denselben Systemen, aber selten mit einem gemeinsamen Sicherheitsverständnis. Eine Produktionslinie kann heute per App gesteuert werden, während der Zugang zur Anlage noch über ein Gateway mit Standardpasswort erfolgt. Sensordaten werden in die Cloud übertragen, ohne dass transparent ist, wie die Kommunikation abgesichert ist. Oder externe Dienstleister greifen für Wartungszwecke über einen seit Jahren bestehenden Fernzugang auf Maschinen zu.
Solche Szenarien zeigen: Digitalisierung allein schafft noch keine sichere Produktion.
OT-Umgebungen unterscheiden sich grundlegend von klassischen IT-Infrastrukturen. Während in der IT beispielsweise Vertraulichkeit und Datenintegrität im Vordergrund stehen, zählt in der Produktion vor allem die Verfügbarkeit. Ein Neustart, ein Patch oder eine sicherheitsbedingte Änderung kann hier im schlimmsten Fall den Produktionsprozess beeinträchtigen.
Gleichzeitig sind viele industrielle Systeme nicht für heutige Security-Anforderungen ausgelegt. Alte Betriebssysteme, fehlende Update-Möglichkeiten, Standardpasswörter oder dauerhaft eingerichtete Fernwartungszugänge sind keine Seltenheit.
IT und OT: Zwei Perspektiven auf dasselbe Risiko
Die technische Konvergenz von IT und OT ist längst Realität. Organisatorisch sind beide Bereiche jedoch häufig noch getrennt: IT-Security-Teams denken in Angriffsmustern, Schwachstellen, Segmentierung, Logging und Compliance. OT-Verantwortliche denken in Prozesssicherheit, Verfügbarkeit, Taktzeiten und Anlagenbetrieb. Beide Perspektiven sind notwendig, können aber zu unterschiedlichen Prioritäten führen. So wird beispielsweise eine Netzwerksegmentierung aus Sicht der IT zu einer wichtigen Schutzmaßnahme. Aus Sicht der Produktion kann dieselbe Maßnahme zunächst als potenzielles Betriebsrisiko wahrgenommen werden.
Das Problem ist deshalb nicht nur technisch. Es ist auch organisatorisch. Wenn IT für die Sicherheit verantwortlich ist, aber keinen ausreichenden Einblick in die Produktionssysteme hat, und OT für den Betrieb zuständig ist, aber Cyberrisiken nicht eindeutig zugeordnet sind, entsteht ein Zwischenraum. Genau dort bleiben Sicherheitslücken bestehen. Um diese Lücke zu schließen, lohnt sich ein genauerer Blick auf die technische Struktur einer Produktionsumgebung.
Sicherheit muss sich an der technischen Realität orientieren: OT-Security braucht einen Blick auf die Schichten
Die größte Schwäche industrieller Sicherheitsstrategien ist oft struktureller Natur: Verantwortung wird an einzelnen Objekten festgemacht – an einer Maschine, einem Förderband oder einer Produktionslinie. Doch eine moderne Produktionsumgebung besteht aus mehreren technisch klar voneinander unterscheidbaren Schichten. Jede dieser Ebenen bringt eigene Technologien, Risiken und Verantwortlichkeiten mit sich.
Eine Produktionsumgebung ist deshalb kein lineares System, sondern ein Zusammenspiel verschiedener Ebenen. Sie reicht von der elektrotechnischen Feldebene über speicherprogrammierbare Steuerungen (SPS) und Leitsysteme bis hin zu Servern, Netzwerken und übergeordneten IT-Systemen für Visualisierung, Planung und Reporting.
Auf den oberen Ebenen, etwa bei Servern, Managementsoftware und Netzwerken, greifen viele klassische IT-Security-Maßnahmen. Patch-Management, Authentifizierung, zentrale Protokollierung und Überwachung lassen sich hier vergleichsweise gut etablieren.
Auf der Steuerungs- und Feldebene gelten dagegen andere Voraussetzungen. Hier geht es um Echtzeitverarbeitung, Feldbuskommunikation, proprietäre Systeme und spezialisierte Steuerungen. Manche Komponenten verfügen über kein klassisches Betriebssystem, andere basieren auf Plattformen, die seit Jahrzehnten im Einsatz sind. Ein Austausch oder ein Update ist deshalb nicht einfach mit einem herkömmlichen IT-Patch vergleichbar und kann im laufenden Produktionsbetrieb erhebliche Auswirkungen haben.
Genau hier stoßen klassische IT-Security-Ansätze an ihre Grenzen. Nicht jede Sicherheitsmaßnahme lässt sich auf jede Ebene übertragen. Gleichzeitig fehlt häufig eine klare Zuordnung, wer für die Absicherung der jeweiligen Systeme verantwortlich ist.
Während IT-Abteilungen beispielsweise Server, Netzwerke und Anwendungen verantworten, kümmern sich OT-Teams um Steuerungen, Aktoren und die physikalischen Prozesse. Beide Bereiche verfügen über unterschiedliches Fachwissen und benötigen dieses Wissen auch, um Risiken richtig bewerten zu können.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Welche Maschine müssen wir absichern? Sondern: Welche technische Ebene betrachten wir und wer trägt dort die Verantwortung für Sicherheit?
Verantwortung entlang der Schichten organisieren
Die Lösung liegt in einem Perspektivwechsel: Verantwortung sollte nicht allein an Geräten oder einzelnen Projekten hängen, sondern entlang der technischen Schichten zugewiesen werden. Dorthin, wo das notwendige Fachwissen vorhanden ist.
Die IT sichert Server, Netzwerke und Anwendungen und schafft Transparenz über die darüberliegenden Systeme.
Die OT schützt Steuerungen, Signalverarbeitung, Maschinenintegration und die damit verbundenen Produktionsprozesse.
An den Schnittstellen müssen beide Bereiche zusammenarbeiten, etwa bei Netzwerksegmentierung, Fernwartung, Monitoring oder der Reaktion auf Sicherheitsvorfälle.
Nur im Zusammenspiel entsteht Sicherheit.
Klare Zuständigkeiten pro Schicht, abgestimmte Prozesse und verbindliche Schnittstellen schaffen die Grundlage für eine Sicherheitsarchitektur, die der Komplexität vernetzter Produktion gerecht wird.
Das Schichtenmodell macht dabei sichtbar, warum eine Produktionsumgebung nicht mit einem einzigen Sicherheitsansatz geschützt werden kann: Risiken und Schutzmaßnahmen müssen zur jeweiligen technischen Ebene passen und gleichzeitig über alle Ebenen hinweg zusammenspielen.
Drei Handlungsfelder für mehr OT-Security
Unternehmen müssen dabei nicht mit einem umfassenden Transformationsprojekt beginnen. Bereits gezielte Maßnahmen können das Sicherheitsniveau deutlich erhöhen. Entscheidend ist, dass technische, organisatorische und kulturelle Aspekte zusammen gedacht werden.
1. Kulturell: Gemeinsame Verantwortung schaffen. OT-Security ist keine reine IT-Aufgabe. IT- und OT-Verantwortliche müssen Risiken gemeinsam bewerten und ein gemeinsames Verständnis für Sicherheit entwickeln. Der erste Schritt: Rollen und Zuständigkeiten sichtbar machen und verbindlich festlegen.
2. Technisch: Transparenz und Kontrolle schaffen. Netzwerksegmentierung, eine möglichst vollständige Inventarisierung der Systeme und passives Monitoring schaffen die notwendige Transparenz für weitere Sicherheitsmaßnahmen. Fernwartungszugänge sollten abgesichert, zeitlich begrenzt und, wo möglich, durch Multi-Faktor-Authentifizierung geschützt werden.
3. Prozessual: Sicherheit in den Betrieb integrieren. Updates, Incident Response, Dokumentation und Notfallkommunikation benötigen klare und gemeinsam abgestimmte Prozesse. IT und OT sollten dabei nicht nebeneinander, sondern innerhalb einer gemeinsamen Governance-Struktur arbeiten.
Quick Wins statt Big Bang
Viele Maßnahmen lassen sich kurzfristig umsetzen und müssen nicht auf ein umfangreiches OT-Security-Projekt warten:
Geräte ohne Internetbedarf vom Netzwerk trennen
Standardpasswörter ersetzen
Netzwerkteilnehmer und Altgeräte vollständig erfassen
Remote-Zugriffe zentral bündeln und absichern
Fernwartung nur über definierte und zeitlich begrenzte Zugänge ermöglichen
unnötige USB-Ports und physische Schnittstellen deaktivieren
vorhandene Logging-Möglichkeiten nutzen
Verantwortlichkeiten und Notfallkontaktketten dokumentieren
Solche Maßnahmen schaffen schnell mehr Transparenz und Kontrolle. Außerdem bilden sie gleichzeitig eine Grundlage für weiterführende Sicherheitsmaßnahmen.
OT-Security beginnt nicht mit einem Tool
Die zunehmende Vernetzung verändert nicht nur die technische Architektur von Produktionsumgebungen. Sie verändert auch die Verantwortung für deren Sicherheit. OT ist heute Teil eines vernetzten Gesamtsystems. Wer die Produktionsumgebung schützen will, muss deshalb Technik und Organisation gemeinsam betrachten.
Dafür braucht es nicht zwangsläufig eine komplette Neuplanung der Infrastruktur. Entscheidend ist zunächst, Transparenz zu schaffen, Verantwortlichkeiten zu klären und die wichtigsten Sicherheitslücken systematisch zu schließen.
Denn eine sichere Produktionsumgebung entsteht nicht allein durch zusätzliche Security-Tools. Sie entsteht dort, wo IT und OT ihre Perspektiven verbinden und gemeinsam Verantwortung übernehmen.
Ansprechpartner
Michelle Grüne
Über AirITSystems GmbH:
Wir sind ein Gemeinschaftsunternehmen der Flughäfen Hannover und Frankfurt. Unsere Herkunft ist der Flughafen. Damit sind Sicherheit, tragfähige Sicherheitsarchitekturen und das Zusammenspiel zahlreicher Komponenten in einem komplexen System unser tägliches Geschäft: eine Vielzahl von Transaktionen, kritische Verfügbarkeit und als klare Anforderung höchste Sicherheit. Diese einzigartige Flughafenerfahrung übertragen wir und unsere zertifizierten Spezialisten mit derselben Sorgfalt auch auf alle anderen Branchen.
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Eine sichere Produktionsumgebung entsteht nicht allein durch zusätzliche Security-Tools. Sie entsteht dort, wo IT und OT ihre Perspektiven verbinden und gemeinsam Verantwortung übernehmen.
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