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15.06.2026

Politik wird zum Geschäftsrisiko Nummer eins – Saarwirtschaft fordert Kurswechsel für Wettbewerbsfähigkeit

Thomé: „Die Zeit zaghafter Trippelschritte ist vorbei“

Saarbrücken, 15.06.2026 (PresseBox) - Die Verunsicherung in der Saarwirtschaft hat sich weiter verschärft. Drei Viertel der Unternehmen berichten inzwischen von steigenden Geschäftsrisiken – nach 60 Prozent bei der ersten IHK-Sonderumfrage im Jahr 2024. Besonders betroffen sind Industrie und Baugewerbe. Zugleich verschieben sich die Belastungsfaktoren deutlich: Nicht klassische Markt- oder Konjunkturrisiken dominieren, sondern grundlegende Standortfaktoren wie Bürokratie, Arbeitskosten, Energiepreise, Steuern, Abgaben und fehlende Planungssicherheit.

Das sind die zentralen Ergebnisse der aktuellen IHK-Sonderumfrage zu den Geschäftsrisiken der Saarwirtschaft, an der sich im April 2026 insgesamt 140 Unternehmen beteiligt haben. IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Frank Thomé stellte die Ergebnisse heute (15.6.2026) gemeinsam mit Dr. Carsten Meier, Geschäftsführer Wirtschaftspolitik und Unternehmensförderung, in der IHK Saarland vor.

„Die Umfrage ist ein Alarmsignal: Das größte Geschäftsrisiko ist nicht der Markt, sondern die Standortpolitik. Wenn 83 Prozent der Unternehmen die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen in Deutschland als Risiko nennen, dann ist das ein Misstrauensvotum gegen die Verlässlichkeit und Wettbewerbsfähigkeit des Standorts. Unternehmen können mit Wettbewerb umgehen. Was sie nicht kompensieren können, sind dauerhaft hohe Kosten, Bürokratie, lange Verfahren und politische Unberechenbarkeit“, sagt Thomé.

Gerade die Saarwirtschaft mit ihrem hohen Industrieanteil spürt diese Entwicklung besonders deutlich. „Die Risiken addieren sich nicht nur – sie verstärken sich gegenseitig. Energiepreise, Arbeitskosten, Steuerlast, Bürokratie und geopolitische Unsicherheit drücken die Betriebe in einen permanenten Krisenmodus. Das kostet Investitionen, Substanz und am Ende Arbeitsplätze. Wenn passende Rahmenbedingungen fehlen, wird aus Transformation schnell eine Deindustrialisierung auf Raten“, so Thomé weiter.

Bereits die erste IHK-Sonderumfrage aus dem Jahr 2024 hatte ein deutliches Warnsignal gesendet. Die aktuellen Ergebnisse zeigen nun eine drastische Verschärfung der Lage. Während 2024 noch 60 Prozent der Unternehmen von steigenden Geschäftsrisiken berichteten, sind es inzwischen 75 Prozent. Besonders alarmierend ist die Entwicklung in der Industrie und im Baugewerbe. Dort sprechen inzwischen sogar 83 beziehungsweise 82 Prozent der Unternehmen von steigenden Geschäftsrisiken.

Wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen werden selbst zum Geschäftsrisiko

Mit 83 Prozent nennen die Unternehmen inzwischen die allgemeinen wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen als größtes Geschäftsrisiko. Gegenüber 2024, als dieser Wert bereits bei hohen 63 Prozent lag, hat sich die Lage nochmals massiv verschärft. Dahinter folgen mit deutlichem Abstand die Arbeitskosten mit 59 Prozent, hohe Energiepreise und Unsicherheiten bei der Energieversorgung mit 54 Prozent sowie die Steuer- und Abgabenlast mit jeweils 48 Prozent. Auch Transportkosten, Rohstoffpreise und der Arbeits- und Fachkräftemangel stellen erhebliche Belastungsfaktoren dar.

„Für einen Industriestandort wie das Saarland ist diese Entwicklung besonders problematisch. Die Unternehmen stehen gleichzeitig unter Transformations-, Innovations- und Kostendruck. Die Industrie muss derzeit Dekarbonisierung, Digitalisierung, geopolitische Veränderungen und demografische Verschiebungen parallel bewältigen. Transformation gelingt aber nur mit wettbewerbsfähigen Rahmenbedingungen und ausreichenden Investitionsspielräumen. Genau diese Spielräume verschwinden aber aus Sicht der Unternehmen mehr und mehr“, so Meier.

Investitionsschwäche verfestigt sich

Die steigenden Geschäftsrisiken schlagen sich immer deutlicher in der Investitionstätigkeit nieder. 37 Prozent der Unternehmen gehen davon aus, ihre Investitionen innerhalb der kommenden zwölf Monate zu reduzieren. Nur noch 14 Prozent rechnen mit steigenden Investitionen.

Zugleich verändert sich die Struktur der Investitionen spürbar. Während Erweiterungsinvestitionen an Bedeutung verlieren, dominieren zunehmend Ersatzinvestitionen und die Sicherung bestehender Strukturen. Der Anteil der Unternehmen, die vor allem Ersatzinvestitionen tätigen, steigt von 39 Prozent im Jahr 2024 auf inzwischen 53 Prozent.

Die Ergebnisse legen nahe, dass viele Unternehmen derzeit nicht mehr in Wachstum, sondern vor allem in den Erhalt bestehender Strukturen investieren. „Die Entwicklung zeigt, wie stark sich die wirtschaftliche Verunsicherung inzwischen verfestigt hat. Das gefährdet langfristig die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts. Deutschland und das Saarland bräuchten angesichts von Transformation, Digitalisierung und demografischem Wandel eine Investitions- und Innovationsoffensive. Stattdessen droht sich die Investitionsschwäche weiter zu verfestigen“, sagt Meier.

Zugleich warnt Meier vor langfristigen Folgen für den industriellen Kern des Landes: „Wenn Unternehmen notwendige Zukunftsinvestitionen immer häufiger verschieben, verliert der Industriestandort langfristig an Innovationskraft, Produktivität und Dynamik. Gerade für das Saarland wäre das mit erheblichen Folgen für Beschäftigung und Wertschöpfung verbunden.“

Unternehmen bleiben trotz wachsender Belastungen standorttreu

Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen bleibt die Bindung vieler Unternehmen an das Saarland aber noch bemerkenswert hoch. 87 Prozent der geplanten Investitionen sollen weiterhin im Saarland erfolgen. Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse jedoch auch eine problematische Entwicklung bei Auslandsinvestitionen. Mehr als die Hälfte der Unternehmen geht davon aus, dass Investitionen im Ausland zulasten der Beschäftigung in Deutschland gehen. 43 Prozent sehen negative Auswirkungen auf Investitionen im Inland. „Die Unternehmen stehen trotz aller Belastungen weiterhin zum Standort. Dieses Vertrauen darf die Politik durch ihr Handeln nicht weiter verspielen. Investitionen entstehen nicht durch Förderprogramme, sondern vor allem durch stabile, verlässliche und wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen“, sagt Thomé.

Energiewendekosten bremsen Modernisierung und Transformation

Besonders belastend wirken nach Einschätzung vieler Unternehmen weiterhin die hohen Energiepreise und Energiewendekosten. Gemessen am Umsatz berichten 73 Prozent der Unternehmen von steigenden Ausgaben. Im Handel sind es sogar 94 Prozent, in der Industrie 67 Prozent.

Die Folgen reichen dabei inzwischen tief in die Modernisierung der Unternehmen hinein. 37 Prozent der Unternehmen geben an, Investitionen in betriebliche Kernprozesse zurückzustellen. Jeder vierte Betrieb verschiebt Investitionen in Klimaschutzmaßnahmen. In der Industrie berichten sogar 40 Prozent der Unternehmen davon, dass hohe Energiepreise Produktionsverlagerungen oder Produktionseinschränkungen begünstigen.

„Gerade ein Industriestandort wie das Saarland kann dauerhaft keine Energiepreise, Regulierungskosten und Netzentgelte tragen, die international nicht wettbewerbsfähig sind. Wenn Unternehmen Investitionen in Modernisierung, Innovation oder Klimaschutz verschieben müssen, weil Energie- und Netzkosten explodieren, dann gefährdet der aktuelle Umsetzungspfad der Energiewende zunehmend die Ziele der Energiewende selbst“, so Thomé.

Aufgabe der Politik müsse es daher sein, Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und Klimaschutz endlich wieder stärker auszubalancieren. „Transformation gelingt nur gemeinsam mit den Unternehmen. Dafür braucht es wirtschaftliche Vernunft, Planungssicherheit und international wettbewerbsfähige Energiepreise“, so Thomé.

Beschäftigungsperspektiven trüben sich massiv ein

Die zunehmende Verunsicherung wirkt sich inzwischen auch deutlich auf die Beschäftigungspläne der Unternehmen aus. Während 2024 noch 14 Prozent der Unternehmen zusätzliche Beschäftigung aufbauen wollten, sind es aktuell nur noch sechs Prozent. Gleichzeitig rechnen inzwischen 39 Prozent mit sinkenden Beschäftigtenzahlen – gegenüber 23 Prozent im Jahr 2024.

„Diese Zahlen zeigen, dass wir es längst nicht mehr mit einer klassischen konjunkturellen Schwächephase zu tun haben. Wenn Unternehmen gleichzeitig Investitionen zurückfahren und Beschäftigung abbauen, erodiert das Produktionspotenzial. Und damit gerät der Wohlstand in Gefahr – gerade in einem Industrieland wie dem Saarland“, so Meier.

Politik muss vom Ankündigungsmodus endlich in den Handlungsmodus wechseln

Aus Sicht der IHK Saarland machen die Ergebnisse deutlich, dass die schwarz-rote Bundesregierung nun rasch einen echten wirtschaftspolitischen Neustart einleiten muss.

„Die Zeit kleinteiliger Korrekturen und zaghafter Trippelschritte ist vorbei. Deutschland braucht jetzt tiefgreifende Strukturreformen, damit Investieren, Arbeiten und industrielle Wertschöpfung wieder attraktiver werden“, so Thomé. Hierzu gehörten insbesondere ein konsequenter Bürokratieabbau, schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren, international wettbewerbsfähige Energiepreise, eine investitionsfreundliche Steuerpolitik sowie deutliche Entlastungen bei den Arbeitskosten.

Zugleich müsse Deutschland die Produktivitäts- und Wachstumsbedingungen insgesamt wieder verbessern. „Die hohen Lohnnebenkosten entwickeln sich zunehmend zu einer Wachstums- und Beschäftigungsbremse. Gleichzeitig brauchen die Unternehmen mehr Flexibilität im Arbeitsrecht und bei den Arbeitszeiten. Andere erfolgreiche Volkswirtschaften wie die Schweiz oder Dänemark zeigen seit Jahren, dass wirtschaftliche Dynamik, hohe Beschäftigung und soziale Sicherheit durchaus Hand in Hand gehen können. Deutschland dagegen reguliert sich immer tiefer in die Wachstumsschwäche hinein. Dieses Mikromanagement kostet nicht nur Tempo, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit, es demotiviert auch Unternehmer – die bestehenden und solche, die es werden wollen“, so Thomé.

Die Unternehmen erwarteten daher von der Politik keine weiteren Ankündigungen, sondern spürbare Verbesserungen der Standortbedingungen. „Jetzt entscheidet sich, ob Deutschland wieder zu Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und industrieller Stärke zurückfindet – oder ob sich die strukturelle Schwäche weiter verfestigt. Die Saarwirtschaft will investieren und Arbeitsplätze sichern. Aber dafür braucht sie einen Kurswechsel: weg von Belastung und Misstrauen, hin zu Verlässlichkeit, Tempo und Wettbewerbsfähigkeit“, sagt Thomé abschließend.

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Dr. Mathias Hafner
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Zuständigkeitsbereich: stv. Geschäftsführer - Pressesprecher